7.3. Hörstel – Tecklenburg, 8.3. Tecklenburg – Tecklenburg

Hallo ihr Lieben,
ich empfehle dringend,  langwierige Dinge unattraktiv anfangen zu lassen. Wie etwa eine lange Wanderung unbedingt an einem sehr kalten, feuchten Tag mit einer Etappe, die auch mal an der Bundesstraße langgeht, zu beginnen. Weil, wenn dann nämlich der nächste Tag trocken ist und sogar manchmal sonnig, und fast ein bisschen warm, dann ist man schon ganz aus dem Häuschen. 

„Ganz aus dem Häuschen“, das wäre ja auch ein schöner Titel für diesen Blog gewesen. Wie ich jetzt diesen Text in den Blog kriege, weiß der Himmel. Ich habe schon überlegt, wem ich ihn wohl mailen könnte, der ihn für mich mit kompatibem Computer in diesen Wordpess-Editor eingibt. Na, das wird sich finden. 

Es ging ohnehin geich wieder mit dem Sich-Finden los heute Morgen. Ich bin relativ spät losgekomen, weil ich doch noch vieles zum Wegräumen und Putzen gefunden habe, und dann musste ich ja noch dieses Paket packen, das mit dem Computer drin. Als ich es gut verklebt hatte, habe ich es vorsichtshalber noch mal auf die Backwaage gestellt. Es war zu schwer! Also wieder auf, Kekstüte raus, noch mal gewogen – zu schwer. CD raus. Passt. Zukleben. Wiegen. ZU SCHWER! Wieder auf. Die anderen Kekse auch raus. Passt. Zukleben. Wiegen. ZU SCHWER! Kann das bisschen Klebeband denn 50g  wiegen? Gesamte Klebebandrolle gewogen. Wiegt 100g. Sind noch etliche Kilometer drauf. Paket wieder auf, alle alten Klebebandschichten entfernt. Nun sieht es schon nicht mehr nach schönem neuen Packset aus. Aber vieleicht ist das eine gute Tarnung. Im Paket hab ich geguckt, was noch rauskönnte. Na gut, die Computertasche. Und die CD-Tasche. Beide raus, Rest so verteilt, dass er nicht im Paket rumklappert. Wieder gewogen. Lächerlich leicht. Die Kekse passen wieder. Und die CDs. 15g zu leicht. Tolerierbar. Bis ich das Ganze endgültig verschlossen hatte, war mein angepeilter Schieneersatzverkehrsbus nach Hörstel nicht mehr zu kriegen, und es deutete sich an, dass ich erst im Dunkeln in Tecklenburg sein würde. Da war ich schon so weit, dass ich in Spanien, mit mengenweise spontan aufsuchbaren Herbergen, gesagt hätte: „Egal, dann geh ich morgen.“ Aber hier? Ich hatte mir ja nun extra schon vier Übernachtungen organisiert! Ich musste los. Da ich ja zu Hause übernachtet hatte und nicht in Rheine, musste ich jetzt erst mal zum Bahnhof laufen. Es sind sechs Kilometer. Samstags fährt kein Bus. Die Blasen grüßten schon beim Verlassen des Grundstücks herzlich. Ich hatte die Mülltüte dabei, und an den Containern (die sind bei uns um fünf Ecken rum an der Hauptstraße (also der asphaltierten Straße)) traf ich einen älteren Nachbarn, den ich glaube ich noch nie gesehen hatte, aber sein Auto kannte ich. Rot und mit QQ im Nummernschild, so was merk ich mir. Den haute ich gleich an, ob er zufällig unterwegs Richtung Bahnhof sei. Er bedauerte. Ich auch. Ich marschierte los, wild entschlossen, beim ersten Auto den Daumen rauszuhalten. Die Spazierstrecke Hörstel-Tecklenburg schien mir auch ohne den Bahnhofsmarsch lang genug. Da, ein Motorengeräusch. Ich drehte mich um. Rotes Auto mit QQ im Nummernschild. Es hielt an, der Fahrer winkte. „Ja, fahren Sie jetzt DOCH zum Bahnhof?“ „Nee. Ich fahr SIE jetzt zum Bahnhof.“ So was Nettes. Er hat eine große Blechbüchse voll Sand im Auto, wo er seine Zigarettenkippen brandsicher drin versenken kann. Dass da noch kein Autohersteller drauf gekommen ist! Außerdem hat er keine Lust auf das Getratsche in der Nachbarschaft und hält sich deswegen aus allen Kontakten raus. Er setzte mich an der Bahn ab, und dadurch kriegte ich dann doch noch den 12:40-Uhr Bus und war um halb zwei auf der Piste. Bei Sonne und bedeutend mehr Landschaft zu gucken als gestern. Allein an schlammbespritzten Mountainbikern waren Scharen unterwegs. Braun bekleckert bis zu den Augenbrauen, so dass die grellfarbigen Trikots nur noch stellenweise durchschimmerten. Der Hermannsweg ist eine beliebte Rennstrecke, da kann das Bisschen Regen der letzten Wochen gar nichts dran ändern. Es war erfreulich mild und bedeutend steiler als gestern. Nach und nach zog ich mir die obersten vier Schichten aus.
Von Zeit zu Zeit konnte man sich sogar an einem der spektakuläreren Ausblicke in die Sonne setzen. Aber immer nur kurz, ich wollte ja gern  vor Einbruch der Dunkelheit so nah wie möglich an Tecklenburg dran sein.
Natürlich meldeten sich nach diesmal schon sieben Kilometern die Blasen mit erhöhter Vehemenz, was die pure Wanderfreude immer so ein bisschen runterbremst. Man schielt dann häufiger als nötig auf die hier in ganzen Rudeln auftretenden Wegweser und freut sich über die abnehmenden Kiometerzahlen. Und das ist, wenn man doch eigentich GERN wandert, ein bisschen verkehrte Welt.
Brochterbeck liegt fünf Kiometr vor Tecklenburg. Es dämmerte, mir taten die Füße weh. Also habe ich im Dorf gefragt, ob ein Bus führe. Man wusste es nicht, war aber nicht sehr optimistisch für Freitag spätnachmittags. Recht hatten sie. Busse fahren um 14:00, 15:00 und 16:00 Uhr. Man hatte mir aber ein Taxiuntenehmen namens „Ballermann“ empfohlen, (phonetisch notiert), ich sah schon die alkoholisierten Fahrer mit Autoradio auf Anschlag vor mir. Die google-Suche ergab, dass das Unternehmen „Balaman“ hieß, und da sie aus Lengerich anreisen mussten und gut im Geschäft sind, wurde mir eine Dreiviertelstunde Wartezeit in Aussicht gestellt. „Bis dahin bin ich dann auch zu Fuß da.“, dachte ich. Aber dann kam ich an einem Hotel mit Café vorbei und dachte, „Jetzt tu ich mir RICHTIG was Gutes und warte bei Kakao und Kuchen aufs Taxi. 5 km, das kann ja nicht die Welt kosten.“

Merke: Sparen wollen durch günstige Unterkünfte ist zwecklos, wenn man, um sie zu erreichen, mehr als 40,- € zusätzlich ausgeben muss. Da hätte ich wahrscheinlich auch gleich in dem sehr nett aussehenden Hotel bleiben können. Allerdings war die Schwarzwälder Kirschtorte ebenso hochpreisig wie ungenießbar. Aber na ja, das Taxi, das mich da schließlich einsammelte, musste einen großen Bogen fahren und setzte mich im Dunkeln irgendwo im Ortskern von Tecklenburg ab. Mit nur dreimal Fragen fand ich die Herberge.


Und die war dann gleich so nett und das Frühstück so gut und die Füße so schmerzend, dass ich heute geich hiergeblieben bin. Ich hatte heute Nachmittag das Haus für mich allein samt Rittersaal mit Klavier – und kann mich nicht erinnern, wann ich zuletzt so lange und mit so viel Spaß dran Klavier geübt habe. Und seltsame Tanzmusiken für Heidis Kurs entschlüsselt, die in der Verkleidung eines barocken Oboenkonzerts daherkommen, aber ständig auf merkwürdge Weise Sechser- und Vierertakte wechseln und einige verdächtig hochromantisch-filmmusikalische Modulationen eingebaut haben. Was fand ich das Stück doof am Anfang. Jetzt fasziniert es mich ungeheuer, und ich habe ziemlich lang daran gebastelt und die Harmonien auf einem Blatt Handtuchpaier notiert, in Ermangelung geeigneter Alternativen. Und Bach geübt für Silvester. Und in die Tangomesse von Palmeri reingeguckt (die Noten schleppe ich mit für Korbach) mit Hilfe einer saulustigen Aufnahme des WDR-Chores, der das irgendwo zwischen gelangweilt und erbittert musiziert. Spaß an der Sache scheinen nur zwei junge Choraushilfen, der Dirigent und vor allem der Pianist zu haben. Aber ich habe bis jetzt erst den Anfang gesehen, bestimmt legen sie noch richtig los.


Jetzt muss ich euch was gestehen. Ich werde inkonsequent. Also NOCH inonsequenter. Das mit dem Wandern von Job zu Job ist schön und gut, das war eine super Idee –  aber gestern kurz vorm Aufbruch stieß ich in meinem Computer auf der Suche nach was anderem auf einen Flyer von Anke Gerber, Pantommin und Tänzerin, und dachte: „Ach ja! Bei der wollte ich doch so gern mal einen Kurs machen!“, und kurzentschlossen hab ich auf ihre Website geguckt –  und sie macht einen in der Woche vor Ostern in Wien. Pantomime und Körpertraining. Einzeln oder kombiniert buchbar. Vertretbarer Preis, Bahn-Supersparpreis noch erhältlich, airbnb in der Nähe….Zwei Plätze gibts noch, schrieb die Orgnisatorin!!!
Leute, ich werde da heute Abend zusagen. Auch wenn das heißt, dass ich die Verkäuflichkeit dieses ehemals zukünftigen Buchs dann vor die Wand fahre. Denn das Projekt war ja, „Zu Fuß zum Job“ zu gehen. Und man muss heutzutage anscheinend immer ein „Projekt“ haben, um verlegenswert zu sein. Wie „Couchsurfen im Iran“, „Mit einem Kühlschrank auf dem Arm um Neuseeand trampen“,“Barfuß auf allen Brennnesselwiesen Nordeuropas Schwanensee tanzen“. So was in der Art. Sonst interessiert das nämlich keinen. Einfach nur Leben – was soll das?
Also, adieu, Bestseller, welcome, true life! Wenn ich niemandem was beweisen müsste und es o.k. wäre, einfach dieses Jahr zum besten meines bisherigen Lebens zu machen, was würde—-? – eben. Mundwinkeltest hat schon wieder gewonnen. Der muss eine Abart des kinesiologischen Deltamuskeltests sein und funktioniert mindestens so zuverlässig.
„WEM will ich hier eigentich gerade WAS beweisen?“ ist meine derzeitige Lieblingsfrage.
Meine beiden Couchsufing-Gastgeberinnen waren so lieb, mich auch einen Tag später zu akzeptieren, und für morgen in Bad Iburg habe ich ein Zimmer in einem China-Restaurant. Blasenmäßig, schätze ich, wird es morgen wieder gut gehen. Und regnen soll es auch weniger als heute Nachmittag, wo es schaurig schauerig war.


Also viele liebe Grüße nach zwei Tagen Wandern und einem Tag Wohnen, lasst es euch gutgehen! Was wäre, wenn es o.k. wäre, dass ihr dieses Jahr zum schönsten eures bisherigen Lebens macht, übertroffen nur noch von den Folgejahren?
Bis demnächst!

Julia

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