9.3. Tecklenburg – Bad Iburg, 10.3. Bad Iburg – Borgholzhausen

Hallo ihr Lieben,
Hier blühen Veilchen und Schneeglöckchen nebeneinander. Irgendwer davon muss den Wecker falsch gestellt haben.
Es ist steil und ziemlich lehmig, und die großen Fahrzeuge, die hier ständig Bäume aus dem Wald schleppen (Naturschutzgebiet hin oder her und auch deutlich nach dem ersten März) machen aus den Wegen abwechselnd lustige Schlitterbahnen und knietiefe Sümpfe, über die man im Zickzack drüberstorcht auf der Suche nach dem jeweils trockensten Fleckchen. Die Schuhe sind tatsächlich erstaunlich wasserdicht, sehen aber nicht mehr ganz so schön aus wie am Anfang.
Ein Aussichtspunkt jagt den anderen, was man sieht, sind dann wellige Wiesen oder flache Wiesen oder Dörfer oder Steinbrüche mit riesigen Maschinen. Jede Menge Kalk zur Betonproduktion wird hier abgebaut, und weil es Kalksteingegend ist, stehen hier auch große Schilder, dass es eine prima Fossiliengegend sei. Oh nein! Seitdem gucke ich möglichst nicht mehr nach unten. Was passiert, wenn ich hier den Rekord-Ammoniten finde? Ich kann den dann doch weder mitnehmen noch liegen lassen!
Regen und Sonne wechseln im Minutentakt, und es ist hocherfreulich, wie schön das Licht immer wird, wenn die Sonne es schafft, ein paar Strahlen zwischen den Wolken durchzumogeln. Oben am Steinbruch hat ein freundlicher Tourismusverein eine stabile Hängematte für den allgemeinen Gebrauch aufgehängt, und aus einer Holzsäule daneben kann man sich Geschichten über den Teutoburger Wald erzählen lassen.

Die Übernachtung habe ich in einem ulkigen Chinarestaurant mit Monteurszimmern 2 km vor Bad Iburg gebucht. Das war auch gut so, bis nach Bad Iburg rein hätte ich es nicht mehr geschafft. Das ist echt anstrengend, durch den Lehm zu waten und immer aufzupassen, dass man nicht hinfällt.
Die nette Besitzerin hat mir vorausschauend ein Zimmer mit Laminat gegeben, damit man mir besser hinterherfeudeln kann, aber ich hab die Schuhe in alter Pilgermanier gleich unten an der Treppe ausgezogen, bevor ich mich durch die verschachtelten Teppichflure dieser ehemals urdeutsch-ländlich-spießigen Pension getastet habe. Mit mir checkten diverse Herren in orangefarbenen Warnklamotten ein.
Und sie hatten einen Bücherschrank mit alten Johanna-Spyri-Erzählungen (ich hab gleich eine Seite abfotografiert als Inspiration für bestimmte Unterrichtseinheiten der Celler Schule) und das dickste Federbett, das ich je auf einem Hotelbett gesehen habe. Einen Balkon hatte ich auch, aber es war zu kalt, da den Sonnenuntergang anzugucken. Netterweise hat die Chefin mir noch was gekocht, obwohl eigentlich Ruhetag fürs Restaurant war, und zwar so einen Berg, dass ich froh war, die gute alte Tupperdose im Gepäck zu haben.

Und dann habe ich abends noch so lange gepusselt, bis ich raushatte, wie ich mit dem Handy, das ja angeblich nicht kompatibel mit WordPress sein sollte, doch noch mit Trickserei und neuem Browser und so den Text hochladen konnte (ihr werdet bemerkt haben, dass der vorige Artikel tatsächlich zu lesen war). Ich bin da ziemlich stolz drauf, denn wie die meisten von euch wissen, bin ich nicht sonderlich technikaffin, und hätte ich nicht den guten Grund gehabt, dass ich WOLLTE, dass ihr das lesen könnt, dann hätte ich schon Stunden vorher aufgegeben. Aber so hab ich mich (wie meine Omi mit ihrer Mikrowelle) dahintergeklemmt und die feindliche Technik gemeistert.

10.3.
Ich bin um acht losgelaufen, habe mich im Ort mit Proviant eingedeckt und steuerte am Wanderparkplatz auf den mal wieder steil ansteigenden Waldrand zu, da hielt ein gelber Bulli neben mir, und der Fahrer kurbelte die Scheibe runter. „Oh, wenn ich Sie so sehe, werde ich richtig neidisch!“, rief er aus. Was ein bisschen überraschend war, denn es war eisig, neblig und goss gründlich, und ich schlappte da mit grünem Regencape und rotem Schirm und Handschuhen umeinander. Der muss also ein richtiger Wanderliebhaber sein. Er hat noch ein halbes Jahr zu arbeiten, erzählte er, dann würde er auch losziehen.
Und tatsächlich kann man durchaus auch bei Regen schön wandern. Gut, man rutscht immer mal aus und findet nicht immer die Markierung, weils so neblig ist oder die wichtigen Bäume vom Wind umgeweht worden sind. Aber – Technik hilft auch hier. Die neue Wander-App zeigt brav die Strecken auch offline an, aber wenn ich mal richtig ratlos bin, kann ich mal eben GPS anschalten und mir zeigen lassen, wie weit ich denn nun vom Weg abgekommen bin. Oft sagt die Dame zwar „GPS-Signal verloren.“, aber ein paar Mal konnte ich dann mit ihrer Hilfe dann schon senkrecht den Hang runter durchs Buchenlaub, was viel weniger matschig ist als auf den Wegen, und fand mich an einer stehengebliebenen Wegmarkierung wieder.
Nach sechs Stunden Marsch machte ich Mittagspause in einer Schutzhütte. Es war eisig, wehr nass, und ich hatte schlechte Laune und fror. Das Handy hatte gerade behauptet, ich sei erst 11,8 km gelaufen und hätte noch 11,5 vor mir bis Borgholzhausen. Durchschnittsgeschwindigkeit unter 2 km/h? Empörend. Na gut, ich war ja zwei km VOR Bad Iburg losgelaufen und musste auch nicht ganz bis Borgholzhausen, aber trotzdem.
Zum Glück fiel mir die Tupperdose mit dem Rest vom chinesischen Abendessen noch in die Hände. Verblüffend, wie sehr die Laune steigt, wenn ich keinen Hunger mehr habe. Ich dann also noch mal senkrecht den Hang runter, bis ich wieder auf dem Hermannsweg angekommen war, und weiter. Runter und rauf, runter und rauf (um Marc-Uwe Kling zu zitieren). Irgend ein lehmiger Hang war dann ZU steil und ZU lehmig und haute mich von den Füßen so richtig SCHLOTZ! in den Matsch. Aber rein optisch war das auch egal, ich war vorher schon völlig verdreckt gewesen. Nur jetzt halt auch noch nass und kalt.
Die SMS-Kommunikation mit der ersten Couchsurfing-Gastgeberin meines Lebens ergab, dass ich willkommen war, wann auch immer ich da ankäme, und gegen halb fünf hatte ich es dann tatsächlich geschafft. Das schönste Haus weit und breit war „meins“. Leuchtend gelb gestrichen, mit blauen Fensterrahmen, bunten bleiverglasten Fenstern, Windfang und großem wildem Garten mit großen wilden Hunden drin. Jedenfalls taten sie zunächst mal so und machten Rabatz, als wäre ich der Postbote. Meine Gastgeberin Caro schleuste mich an ihnen vorbei in eine Behausung, die alleine schon eine Fotoreportage verdient hätte. Urgemütlicher Altbau mit Lehmputz in leuchtenden Farben, viel Holz, Kamin, schläfrigem Kater im Sessel und tausend liebevollen Kleinigkeiten überall. Mit Caro und ihrer Familie hatte ich mir tatsächlich jede Menge zu erzählen, und ich freue mich schon sehr darauf, nun meinerseits IHREN Reiseblog über die Zugreise nach Armenien samt Pferdetrekking mit nur zwei Reitstunden vorweg bei eisig nassem Wetter zu lesen.
Es war ein großartiger Abend, und auch die Hunde tauten gewaltig auf. Willi erzwang jedes Mal, wenn man mit Streicheln aufhörte, mit nachdrücklichem Pfötchengeben eine weitere Runde, was bei einem Hund, der ein bisschen wie struppiger hellgrauer Wolf aussieht, ein bisschen lustig aussieht.
Wir verquatschten uns gründlich und kamen für Wanderverhältnisse spät ins Bett.
Und ich will doch bis Bielefeld morgen.  30 km. Bei 2km/h Durchschnittsgeschwindigkeit und nur 12 Stunden Tageslicht….

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