Hallo ihr Lieben,
das war natürlich ein Cliffhanger gestern. Und natürlich bin ich nicht 30 km durch Tiefschlamm geschwommen. Im Gegensatz zu normalerweise habe ich mich kurzerhand für die ersten sechs Kilometer bis Borgholzhausen Mitte für die Flachland-Asphalt-Variante VOR dem Bergrücken entschieden und bin erst nach der Ortschaft (und einem weiteren Provianteinkauf) wieder die feuchten Hänge hochgestiegen. Aber – das war toll – es hat nicht die ganze Zeit geregnet. Im Gegenteil, man konnte sich sogar mal friedlich unter das Vordach einer Schutzhütte setzen, davon gibt’s hier viele, und in den Wald gucken. Dank Fritjofs handlichem Fernglas, das ich in letzter Sekunde eingepackt habe, kann man sogar in den Bäumen kleine Vögel rumsteigen sehen, die eine Panzerknacker-mäßige schwarze Augenmaske zu tragen scheinen und sehr mondän damit aussehen.
An einem Hang gab es mächtig krachende Geräusche mit Motorenlärm, und beim Näherkommen sah man in wahnsinnigem Tempo eine vertrocknete Fichte nach der anderen zur Seite sinken wie Rokokodamen mit zu eng geschnürter Tournüre in Anwesenheit des angebeteten Tanzlehrers, und unsanft auf dem Waldboden aufschlagen, wo irgendetwas sie schwungvoll zur Seite zog. Ich bog um die Ecke. Mitten auf dem Wanderweg stand ein Raupenfahrzeug, dem ich bis zur Oberkante der Raupe ging, und griff mit einem Roboterarm, der wie eine Mischung aus Science-Fiction und Jurassic-Parc-Komparse aussah, in den Wald, würgte einen Baum an der Wurzel, schnitt ihn – bssst – unten ab und haute ihn um. Eine Sekunde. In weiteren zehn Sekunden glitt der große Baum – kschrrt – durch die Eisenhand und kam auf der anderen Seite entastet, entborkt und in handliche 5-Meter-Stücke zerschnitten wieder raus. Zehn Sekunden maximal. Und – zack – nächster Baum. Es war auf eine verstörende Weise faszinierend. Nach zehn solcherart geschredderten Bäumen lag der Weg voller Fichtenäste und überflüssiger Stammstücke, da griff der Roboterarm anmutig hinein, sammelte alles ein bisschen zusammen, als wären es Kuchenkrümel auf der Tischdecke und ließ es zwischen die Birken plumpsen. Dann winkte mir der Fahrer zu, ich könnte jetzt vorbei.
Ein äußerst effizientes Werkzeug für schlimme Krimi-Szenarien, dachte ich, und beeilte mich, aus der Reichweite der Kettensäge zu kommen. Bssst – da ging es auch schon weiter.
Von daher: denkt, wenn ihr „Teutoburger Wald“ hört, jetzt nicht immer an Wald im Sinne von Wald. „Teutoburger Hochsteppe“ oder „Teutoburger Bergmoor“ trifft es stellenweise auch ganz gut. Deshalb sagen die Anwohner auch meist nur „Teuto“, die wissen, dass das gar nicht SOOO viel Wald ist. Und es fühlt sich so schön teutonisch an.
Ich bin dann bis Halle in Westfalen gelaufen, einem netten Ort, in dem die Sonne so schien, dass man sich ein Eis holen konnte, und habe scheunigst mal gutes Lederfett besorgt, damit die Stiefel sich nicht stiefelmütterlich behandelt fühlen (Grüße aus Kalau😊).
Und alle 30 Minuten fährt von dort ein Zug nach Bielefeld.
Dort konnte ich in der Post meinen Pantomimekurs bezahlen und in der Stadtbibliothek den Computer nutzen für den vorigen Blogbeitrag.
Kurz nach sechs km ich bei meiner Couchsurfing-Gastgeberin Lilli an. Eine Wohnung, die sympathisch bewohnt aussieht und überall selbstgemalte Bilder hängen und stehen hat. Die Badezimmerwand, ebenfalls selbstgemalt, eine Blumenwiese.
Die Zeit reichte gerade, um zu duschen, die Zivilklamotten anzuziehen und die Schuhe zu putzen, Lilli brachte mir kurzerhand die brandneue Nagelbürste, damit ich die Originalfarbe der Schuhe wieder sichtbar machen konnte. Dann stürmten wir wieder los. Sie hatte nämlich angeboten, mich zum Treffen der örtlichen Extinction Rebellion-Gruppe mitzunehmen, die eine Tanzperformance für Samstag in der Fußgängerzone proben wollte.
In einem recht nüchternen Raum sammelten sich etwa 18 Leute, ein bisschen irritiert, dass nicht mehr kamen. Viele waren wütend darüber, dass jetzt, bei so einer Epidemie, wo es jedem einzelnen sofort an den Kragen gehen kann, jegliches Weiter-So tatsächlich aufgehoben wird, während es bei allen Dingen, die mindestens ebenso das Überleben der Art gefährden (aber nicht mehr in dieser Legislaturperiode), tausend Gründe gibt, alles so beizubehalten wie bisher oder Elektroroller und das Verbot von Plastikstrohhalmen als die spektakuläre Lösung aller Probleme anzupreisen. Und auch darüber, dass es jetzt, wo alle mit Corona-Nachrichten beschäftigt sind, noch schwerer ist als sonst, darauf hizuweisen, dass an anderen Baustellen auch ganz dringend was getan werden muss.
Und natürlich wurde diskutiert: Darf man, während andere Leute nur noch Krankheit und Tod vor Augen haben, überhaupt nch öffentlich tanzen? Potentielle Virenverteilung ist das eine, aber die Gefühle der Anderen verletzen wollte auch keiner.
Mich faszinierte der achtsame basisdemokratische Umgang miteinander: wer etwas sagen wollte, hob die Hand, und wenn alle hinguckten, nickte ihm oder ihr irgendjemand zu, und sie oder er sagte was. Und in der Zeit hatten schon zwei andere sich gemeldet. Und manchmal gingen mehrere Themen durcheinander, und man musste das erst wieder entwirren. Alles dauerte dadurch natürlich seine Zeit. Aber dann wurde noch geprobt. Und dann hab ich mich gemeldet, und siehe da, sie wolten auch die Meinung des Gastes gern hören, so dass ich noch ein paar feurige Worte zu Bühnenpräsenz und gfühlter Bewegung loswerden konnte. Und am Ende haben sie noch mal getanzt und sich viel mehr getraut.
Und Lilli und ich hatten inzwischen mächtigen Hunger und sind wieder zu ihr gefahren. Und dann hat sie mich noch lecker bekocht und wir haben uns von Reisen und Kunst und allem Möglichem erzählt. Sie kann auch (wie ich, wenn ich länger gewandert bin), vor Bildern im Museum in Tränen zerfließen, weil sie so gerührt ist. Ich glaube, es würde die Maler freuen, wenn sie das wüssten, dass das lange nach ihrem Tod noch funktioniert.
Wir sind ein bisschen spät ins Bett gekommen und haben uns mogens bei Frühstück gleich weiter verquatscht, aber so ist das nun mal. Ich glaube, Leute, die Couchsurfer aufnehmen, sind oft einfach sehr spannende Menschen.
Vielleicht ist es auch so, dass MENSCHEN einfach sehr spannende Menschen sind, wenn man anfängt, sich mit ihnen zu unterhalten.
Am Donnerstag wollte ich dann von Bielefeld nach Schloß Holte-Stukenbrock. Auf dem Weg, in der Bielefelder Innenstadt, sprach mich in einer Kirche ein sehr malerischer Herr mit grauem Zopf und langem geblümtem Stoff-Umhang an. Er empfahl mir nachdrücklich ein Café, in das ich unbedingt solle. Möglicherweise kennt Lilli ihn. Er war ein bisschen schlecht zu verstehen, weil er so hastig und undeutlich sprach, hatte aber etwas sehr Sympathisches und Anrührendes. Trotzdem bin ich nicht zu dem Café gegangen, sondern zur Sparrenburg.
Zu der kann man quasi direkt im Stadtzentrum hochsteigen und von da aus im Grünen wandern. Und es war sogar meist sonnig.
Nach 12 km oder so musste ich dann zum ersten Mal vom gut markierten Hermannsweg abweichen und mich ganz auf die App verlassen. Die Abzweigung hab ich gleich verpasst und später noch manche andere, und dann musste ich immer mal GPS anschalten, um zu gucken, wie weit vom Weg ich jetzt weg bin – und ich hab ja nicht geahnt, WIE viel Akku das zieht! Dann habe ich auch noch mitten im Wald mit Barbara telefoniert, dann wider nachgesehen, wecher dieser verwinkelten unmarkierten Pfade jetzt meiner sei, und plötzlich sagte das Handy: „Noch 15%!“ Und das ist böse, weil es bei den letzten 15% immer ganz schnell inkontinent wird. Ich versuchte noch, Monika, meine Lachyoga-Kollegin in Schloß-Holte-Stukenbrock per mail vorzuwarnen, dass es noch dauern könnte und ich nicht mehr zu erreichen sei – da machte es „Blip“, und aus wars mit der Technik. Und ich mitten in diesem unmarkierten Wald, das Wetter wieder so bewölkt, dass noch nicht mal der Sonnenstand einem weiterhalf.
Es waren auch hier kaum Leute, ich lief also nach Gefühl durch die Gegnd, das Gefühl wurde aber immer mulmiger. Da, eine Dame mit Hund! Sie sagte mir, ja, da lang, am Ende des Weges rechts, wieder am Ende links und dann an der Bundesstraße lang.
Ich war dankbar. Am Ende des Weges ging ich rechts. Es war sehr scharf rechts. Ich kam auf die nächste Wegkreuzung. Es war der Weg, den ich gekommen war. Ich guckte rauf und runter, beide Richtungen sahen nicht hilfreich aus. Da sah ich ein gutes Stück entfernt quer über den Weg ein Auto fahren, und dann noch eins. Eine Straße! Hurra! Ich liebe Straßen. Straßen sind Zivilisation, sind zielführende Bauwerke, sind Errungenschaften der Menschheit!
Dort angekommen musste ich natürlich wieder raten, ob jetzt rechts oder links die bessere Richtung sei, aber das klappte. Und als man an einer großen Kreuzung nicht mehr rechts durfte, wo Stukenbrock dranstand, sondern nur gradeaus konnte, stellte sich raus, dass das sogar der kürzere Weg war. Nach ungefähr sieben km Straße lief ich in Stukenbrock ein, und gleich die erste Fußgängerin kannte die Straße, zu der ich wollte.
Uff!
Monika und Hans haben mich liebevoll empfangen, mir die Hunde vorgestellt und Käsespätzle mit Salat gemacht. Ein Traum. Mann, war ich müde. Ich schätze, ich war keine sehr gute Gesellschafterin an dem Abend.
Viel draußen Wandern UND wenig schlafen, das erweist sich auf Dauer als anstrengend.
Sie bliesen mir das Luftbett auf, und ich sank darauf in Tiefschlaf.
Das war der letzte Tag, an dem ich noch meinte, „zu Fuß zum Job“ unterwegs zu sein in diesem Frühling.