Monika muss infernalisch früh arbeiten (sie unterrichtet AltenpflegerInnen, da ist das halt so), aber Hans hat frei und frühstückt mit mir und gibt mir noch Käsebrote und Bananen mit. Und eine rote Clownsnase. So was kann man immer gebrauchen.
Es ist seit der Abreise schon einiges dazugekommen in meinem Rucksack.
Das Wetter ist eisig und sehr nass. Im Laufe des Tages werden der Pantomimenkurs und die Berliner Auftritte in der Distel abgesagt. Abends auch noch der Singkurs in Bayern.
Es regnet sich mehr und mehr ein, und ich bin froh über den kleinen Reiseschirm, den ich mir kurz vor der Abfahrt zugelegt habe. Solange man nämlich keinen kalten Regen ins Gesicht und in den Kragen kriegt, fühlt es sich noch nicht GANZ so regnerisch an. Das klappt aber nur, solange der Sturm sich in Grenzen hält. Was er nur bis nachmittags tut, dann bleibt mir nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass ich jetzt richtig nass werde. Zum Ausgeich dafür hält der Handyakku aber super durch, und das, obwohl ich wieder unterwegs telefoniert habe: mit der Organisatorin des Pantomimekures. Sie möchte das gern als Online-Seminar versuchen und will wissen ob ich mir das vorstellen kann. Ich, im Wald, mit versagendem Akku und kaum Empfang, übe per Videokonferenz die „unsichtbare Wand“? Kann ich mir im Moment eher noch nicht vorstellen. Andererseits verständlich, dass sie einen Weg suchen, den Kurs nicht ganz ausfallen zu lassen. Wenn ich meinen Singkurs-Leuten per Video was erzählen könnte und dafür zumindest ein bisschen Honorar bekäme, würde ich es vermutlich auch tun. Ja, also jedenfalls hat der Akku gehalten, auch deswegen, weil es wieder mehr Wegweiser gab.
Kurz vor Detmold komme ich durch ein enorm schönes Quellengebiet, wo ein ganzes Flüsschen mal so eben aus zwei kaninchenbaugroßen Löchern am Fuß einer Felswand herausgluckert. Auch später wunderhübsche Teiche und Bäche, aber da gießt und stürmt es schon so, dass ich mich nicht lange aufhalte.
Natürlich verliere ich den Weg noch ein paarmal, da wo der Hermannsweg zum gleichnamigen Denkmal abbiegt, ich aber zu meinem allerersten airbnb-Zimmmer nach Detmold rein will.
Trotz GPS und Karte gerate ich in Wege, die sich dann als doch keine rausstellen, aber erst, als ich den steilen Lehmhang mit anklammernden Zehen schon fast ganz hochgeklommen und dann ein erhebliches Stück auf dem Bauch wieder zurückgerutscht bin. Ich sehe beim Einmarsch ins adrette Detmold denn auch so aus, dass die einheimische Bevölkerung einen Bogen um mich macht. Zum Ausgleich kommt immerhin die Sonne raus. Und Frau Schmidt, die Vermieterin, ist ganz goldig, versichert mir, sie sehe immer GANZ genau so aus, wenn sie mit dem Hund gegangen sei, und will nichts davon hören, dass ich unten im Flur die morastigen Schuhe ausziehe.
Das Zimmer ist so nett und ich bin so müde, dass ich abens noch frage, ob ich eine zweite Nacht bleiben kann. Ich kann.
14.3. Detmold.
Ich habe frei! Und das Wetter ist schön und es ist Markt.
Lilli simst, dass die Extinction Rebellions ihre Aufführung absagen mussten, weil ganz Bielefeld im Ausnamezustand ist.
Ich gehe nach Detmold rein. Kein Ausnahmezustand. Alles normal, scheint mir. Es ist Markt, überall sind Stände aller Art, die Sonne scheint, die Stadt ist voller entspannter, ganz gut gelaunter Leute. An einem Stand mit handgemachten Bürsten erstehe ich die kleinste Schuhbürste, die sie haben (damit ich nicht allen Gastgeberinnen die Nagelbürsten ruinieren muss) und unterhalte mich mit der Standbesitzerin. Es ist das letzte Mal vorerst, dass sie da stehen darf. Die Stadt hat ihr für die kommenden Wochen untersagt zu kommen. Den anderen Marktständen in der Straße auch. Sie ist vor allem deshalb erbost, weil die Läden, auch solche wie Nanu nana, Tedi und Vodafone, offen bleiben dürfen. Aber die Marktstände sind zu gefährlich. Und, ja, es gebe wohl Entschädigungen aber die seien lächerlich und ein Tropfen auf den heißen Stein.
A propos Entschädigung: Wenn ihr gern möchtet, dass zumindest überlegt wird, ob es für solche Ausfälle wie meine jetzt wegfallenden Kurs- und Auftrittshonorare Ausgleichszahungen geben soll, könnt ihr hier mit drei Klicks und noch Zusatzoptionen eurer Wahl etwas dafür tun.
Wenn ihr denkt, wieso, du arbeitest doch auch nicht und hast frei, dann solltet ihr das eher nicht anklicken. Schließlich kann ich die Kursvorbreitung ja auch für einen späteren Kurs verwenden…
Und hatte ich nicht selbst überlegt, die Kurse und Auftritte abzusagen?
Pass auf, was du dir wünschst, du könntest es bekommen.
So ganz normal ist es auch in Detmold nicht. Als ich in die Bibliothek will, um bequem auf einem öffentlichen Computer diese Zeilen zu tippen (ja, mit Händewaschen hinterher, klar), hängt ein Zettel an der Tür, dass coronabedingt bis 18.4. der Betrieb eingestellt sei.
Aber – auch in Bielefeld ist nicht NUR Ausnahmezustand: Lilli hat geschrieben, dass Extinction Rebellion doch noch einen Auftritt gemacht hat und dass er gut war. Das freut mich doch.
Also, falls es euch jetzt so ähnlich geht wie mir und ganz viel Normales und Geplantes bei euch wegbricht, ihr nicht arbeiten könnt oder dürft, die Museen zu haben, Sportvereine und Chöre ausfallen – was wollt ihr tun mit der geschenkten Zeit? Malen? Schreiben? Spielen? Gedichte lesen? Wem wolltet ihr schon lange schreiben? Wenn euch Briefe zu riskant sind, obwohl Übertrgung durch Post etc. „keine Rolle spielt“ lt. Gesndheitsministerium, dann wenigstens ausführliche Mails. Oder wolltet ihr meditieren?Oder singen? (Nehmt meine Videos, die mit den Kanons oder die Seminarmitschnitte zur Hilfe, wenn euch das was nützt).
Annette M. hat erzählt, die Aktien für Sexspielzeuge hätten Hochkonjunktur. So viel zum Thema „Soziale Kontakte einschränken“. Da hat wohl jemand nicht zugehört. Und die komplette Alterspyramide könnte sich nun wieder umkehren.
Egal. Meine Idee wäre nur, zu gucken: Wo ist das Geschenk? Wenn es für „gut“ und „schlecht“ keine Begrifflichkeiten gäbe und man nur denken könnte: „So ist das jetzt, und was möchte ich draus machen?“ – dann können wir Dinge tun, die sinnvoll sind, und die uns im Nachhinein womöglich als entscheidende Wendepunkte unseres Lebens oder große Bereicherung in Erinnerung bleiben. Oder wir müssen uns damit beschäftigen, zu wünschen, dass es anders wäre als es ist (was ein aussichtsloses Unterfangen ist und dazu geeignet, und dauerhaft unglücklich zu machen).
Annette C. überlegt schon, wie wir den ausfallenden Singkurs (sie wäre als Pianistin dabeigewesen) irgendwie in andere musikalische Aktivitäten umwandeln kann.
Morgen laufe ich erstmal weiter Richtung Externsteine und Warburg. Es scheint eine ganz andere Wanderung zu werden als geplant.
Viele liebe Grüße, bleibt gesund
Julia