17.3.2020 Bad Driburg – Willebadessen – Warburg
Hallo ihr Lieben,
Ich will es noch weiter versuchen, auch wenn Pensionen nur noch beruflich Reisende aufnehmen dürfen. Gestern habe ich bei Lidl eine leichte Notfall-Luftmatratze gesehen, die hole ich mir jetzt. Hier sind so viele Schutzhütten im Wald, da wird man ja wohl in irgendeiner schlafen können. Immerhin ist Frühling.
Problem: Da gibts keinen Strom. Und ich kann nicht wie damals in Frankreich immer im Café oder in unbeaufsichtigten Dorfkirchen das Handy auladen. Das heißt, ich werde in kürzester Zeit keine Landkarte mehr haben. Könnte natürlich einfach nach Gefühl IRGENDWOhin laufen, jetzt ist es ja egal. Aber zumindest bis Korbach will ich noch kommen, also brauche ich eine analoge Wanderkarte.
In der Bad Driburger Fußgängerzone ist eine Buchhandlung, die zumindest eine Karte hat, die bis Warburg reicht.
Und der Pensionsbesitzer meinte heute morgen: „Wo wollen Sie hin? Willebadessen? Da rauf bis zur Iburg (verwirrenderweise habe ich nicht nur erst in Bad Iburg und nun in Bad Driburg geschlafen, sondern die Burgruine über Bad Driburg heißt auch noch Iburg. Da soll sich einer auskennen) und dann weiter Richtung „Schöne Aussicht“ und dann immer oben auf dem Kamm lang.“
Von der Schönheit her sicher ein guter Tipp. Allerdings 7 km länger als die Route, die die komoot-App mir vorgeschagen hatte. Das merkte ich erst, als ich schon zwei Kilometer steil hoch zur Burg gestiegen war und dort einen Wegweiser „Willebadessen 21 km“ fand.
Egal, das Wetter war schön, der Weg gut begehhbar, wie üblich kaum jemand unerwegs außer weiteren Holzfällern.
Irgendwann musste ich ein Stück auf einer breiten Landstraße langlaufen, und in der ganzen Zeit fuhr da boß ein Auto lang. Es war wie in Schweden. Wald und leere Straßen.
Auf einem mächtigen Fichtenstamm gabs Picknick in der Sonne. Dann kam ich durch Neuenheerse, ein Dorf mit Wasserschloss und wunderbarer alter Kirche (natürlich zu). Da habe ich die letzte Bäckerei gefunden, die einen noch auf die Café-Toilette gelassen hat zum Händewaschen. Ab da waren überall Schilder, dass die Toiletten nicht mehr geöffnet seien, was sich beim Wandern als problemtisch rausstellen kann. Jedenfalls habe ich die Picknickvorräte aufgestockt, den bildschönen Ort bewundert und bin von dort aus (durch ein Versehen, aber ein glückliches) im Tal auf sonnigen Wiesen an der Nethe entlang weitergewandert. Die schlängelt sich und plätschert unter Erlen dahin, dass es eine Freude ist. Auf einer großen Rasenfläche am Stausee waren neben viel leerem Platz ein Pärchen und zwei kleinere Gruppen Jugendlicher zu finden, die um die Tische herum saßen und Musik hörten. Ansonsten nur ein paar einzelne Mountainbiker auf den Wegen.
Kurz vor Willebadessen konnte ich nicht länger aufschieben, mich zu entscheiden, wo und wie ich nun versuchen wollte, an ein Bett zu kommen. Im Internet hatte ich morgens noch drei Möglichkeiten dort gefunden, ab 40,-€, und guckte jetzt noch mal nach. Nur noch das Hotel (gediegenen deutschen Landhotelnamen einsetzen) war aufgeführt, für 60,- € Superschnäppchenpreis. Autsch, dachte ich, dann jetzt also Wald und Luftmatratze. Ich traf eine nordicwalkende ältere Dame an einer Abzweigung, die mir hoch zum Wald mit seinen ab und zu am Weg wartenden Schutzhütten zu führen schien, und sie bestätigte das. Ich marschierte los. Und sah wie es dunkler wurde. Und sah den kühlen schwarzen Wald da oben. Und hatte sehr wenig Lust, fröstelnd mit zusammengefallenen Schlafsackdaunen da unter einem Dach zu liegen und 12 Stunden lang bei jedem Rascheln aufzuschrecken.
In Warburg 20 km weiter war eine mit Höchstpunktzahl dotierte Pension für 40,- € aufgeführt. Brauchbar für den portugiesischen Trick: Hinfahren, Gepäck dort lassen, morgen wieder nach Willebadessen fahren, ohne Rucksack wandern und nochmal da schlafen. Nachteil: Zwei Zugfahrten. Aber das würde schon gehen.
Ich rief da also an. Natürlich kam die Frage, ob ich denn beruflich oder touristisch unterwegs sei. „Das ist schwierig zu beantworten“, sagte ich, und erklärte die Lage, dass im Moment noch die Möglichkeit offen sei, ob ich in Korbach nicht wenigstens ein paar Einzelstunden an interessierte Chorsängerinnen erteilen könnte, so dass sie etwas von mir und ich etwas von ihnen und dem Honorar hätte. Dass ich aber andererseits total nach Touristin aussähe wegen des Projekts „Zu Fuß zum Job“.
„Wie Sie aussehen, ist mir ganz egal, wenn es beruflich ist“, sagte die sehr nette Besitzerin, warnte mich nur vor, dass die Züge nicht mehr so regelmäßig führen.
Aber 90 min. später sollte es einen geben.
Ich war froh und wandte mich vom Wald ab und dem Ort zu.
Ich musste mal. Die Landschaft war so offen, dass man schlecht in irgendein Gebüsch konnnte, und plötzlich war ich in Willebadesssen. Und fand diverse Cafés, die alle geschlossen waren. Ein einsamer Draußenraucher sage, die Polizei habe eine öffentliche Toilette, und beschrieb mir den Weg. Ich machte eine große Runde durchs ganze Dorf, bis ich sie fand. Geöffnet bis 17:00 Uhr. Es war 18:00 Uhr.
Am Bahnhof würde es sicher eine geben. Ich lief los, nach Gefühl bergab. Züge fahren unten. Und es war ja noch massig Zeit bis zu meinem 19:04-Uhr-Zug. Drei Kinder auf Rollern kamen mir entgegen, die fragte ich nach dem Bahnhof. Sie bekamen große Augen. „Der ist ganz, ganz, ganz da oben!“, sagte der größte der drei und machte eine ausladende Armbewegung an mir vorbei in die Richtung, aus der ich gekommen war. „Na, dann bin ich ja froh, dass ich euch gefragt habe“, sagte ich und drehte um. Es war weit. Ungefähr drei km bergauf. An einer Straße ohne Gebüsche und mit Häusern samt Fenstern. Ich wanderte unter Hochdruck.
Auf halber Strecke sagte das Handy „Ping“, und ich fand eine SMS meines Cousins vor, ihm sei plötzlich eingefallen, dass mich die ganzen Kultur-Absagen bestimmt schwer träfen, und ob er mir finanziell beistehen solle. Ich möge die Anfrage nicht übelnehmen. Übelnehmen? Ich war total gerührt über diese Fürsorglichkeit. So was Liebes! Aber noch steht das nicht an. Nachdem meine Altersvorsorgeaktiendepots im letzten Jahr dreimal hintereinander einfach so umgeschichtet worden waren („Übrigens, den Fonds gibts jetzt nicht mehr, der heißt jetzt so, ist aber auch ganz prima und hat immer noch nicht SOOO viele Waffenfirmen und Kinderarbeit, das wollten Sie doch so, oder? Merkwürdiger Geschmack. Ach ja, und Sie bekommen einen neuen Sachbearbeiter, nicht mehr den Künstler, den Sie sich mal ausgesucht hatten, ist o.k., oder? Und übrigens, die Bank ist jetzt aufgekauft worden von einer anderen, die auch gaaaanz toll ist und nur Ihr Bestes will, in Ordnung? Sonst kündigen Sie einfach.) – da hab ich einfach gekündigt. Das war vor ein paar Monaten. Ich bin denen inzwischen wahnsinnig dankbar, dass sie mich auf diese Weise vergrault haben, bevor alles nur noch die Hälfte wert gewesen wäre. Und deshalb, weil das Schicksal mir auf diese Weise quasi einen Haufen Geld geschenkt hat, werde ich zunächst mal gelassen von dem Haufen essen. Als Rente wäre er eh lächerlich. Als Überbrückung ist er sehr beruhigend.
Nichtsdestotrotz eilte ich ja immer noch bergan, dem Bahnhofe zu. Der sich dann als einsamer Betonbahnsteig mit nix außer Kameraüberwachung herausstellte.
Immerhin, da war so eine Art Gebüsch in einer Richtung, in die keine Kamera zu zeigen schien… aber weiß man es?
Ich fuhr dann 12 Minuten Zug. Richtig angenehm war es nicht. Geht es euch auch so, dass man sich plötzlich immer und ewig dreckig und klebrig fühlt, vor allem an den Händen? Haltestangen und Türknöpfe, die auch sonst schon von tausenden Händen betatscht und mit Milliarden Mikroben besiedelt waren, fühlen sich pötzlich so … unhygienisch an. Dabei war der Zug recht leer. Die Spaßvögel, die extra nah aufrücken und dann pöbeln, scheinen nach allem, was ich mitbekomme, mehr in den größeren Ortschaften zu wohnen.
In Warburg war es stockdunkel, und die Pension war nicht so schnell zu finden – aber enorm schön. Und wie alle akut vom Bankrott bedroht, wenn das so weitergeht.
So früh war ich auf der ganzen Reise noch nicht im Bett.
18.3.2020 – um Warburg herum
Der Mann der Pensionswirtin, der als Redakteur auch an Wanderbüchern mitarbeitet, hat mir schöne Wandertouren rund um Warburg empfohlen, und kurzentschlossen hab ich mich nicht noch mal in den Zug gesetzt. Was soll dieser Vollständigkeitswahn, wenn man auch einfach so wandern kann? Die Pensionswirtin sagte, ich müsse mir aber UNBEDINGT auch noch Warburg angucken, das sei so schön und es sei eh nichts los in der Stadt – und sie hatte mit beidem Recht. Eindrucksvolle Fachwerkbauten, erstaunlich groß (eins hatte fünf Stockwerke und zehn Fenster im ersten Stock allein zur Straße hin. Und Erker und Giebelchen und schöne Türen) und zum Teil überbordend verziert. Unten am Berg die Altstadt und oben die sogenannte Neustadt, die auch aus Fachwerkhäusern besteht. Und aus alten Türmen und Stadtmauern und schönem Ausblick übers Diemeltal – ich kannte den Ort nur als Umsteigebahnhof, und weil auch der wieder etwas weiter weg vom Ortskern liegt, hab ich das schönste verpasst.
Während ich vorm Amtsgericht in der Sonne saß, mit Blick über die Landschaft, hielt ein Lastwagen neben mir, und eine gigantische Lieferung Toilettenpapier traf ein. Eine große Palette, auf der die Pakete gut zwei Meter hoch aufgetürmt waren.
Ich schmökerte mich derweil durch das Buch „Ferien vom Ich“, einen Roman von 1915. Die Handlung ist ein bisschen verworren. Die Grundidee ist, dass ein Arzt, der sieht, wie gestresst alle um ihn rum sind, eine Art Kur-Anlage in Form entzückender Häuschen und Höfe auf schönem Berggrundstück baut, in der man, egal was man sonst ist, macht oder hat, unter falschem Namen absteigt, Privatklamotten, Uhr und Geld am Eingang abgibt und so in schöner Umgebung handfesten Arbeiten auf Bauerhöfen o.ä. zugeteilt wird. Zeitungen dürfen nur selten und auf Anfrage gelesen werden. Keine Frage, dass das gegen viele Zivilisationskrankheiten hilft.
Das Erstaunlichste fand ich, dass so was offenbar schon vor hundert Jahren für nötig gehalten wurde.
Ich bin dann an der Diemel entlang durch malerisches Grün und Wolken von Veilchenduft gewandert zu einem Kalkmagerrasen-Gebiet mit (jetzt schon) Tagpfauenaugen und Zitronenfaltern. Und abends habe ich mal geguckt, ob ich ein Zelt finde für die nächsten Nächte. An die Korbacher und Bad Arolsener habe ich gemailt, ob mir jemand Zelt oder ein Solar-Ladegerät leihen kann.
Abends erfahre ich, dass auch die Spar-Version mit nur Einzelstunden in Korbach im Moment nicht machbar ist. Ich hatte mir das schon gedacht.
Frage ist ja, wieso nicht einfach alle, die keine Risikogruppe sind, sich schlicht anstecken lassen, ein, zwei Wochen ausfallen und nachher immun sind. Dann ist die Ansteckungskette auch unterbrochen. Und es könnte sogar schneller gehen. Man müsste eben alle Alten und Vorerkrankten keimfrei mit allem versorgen, was sie brauchen.
Aber ich schweife ab. Und bestimmt gibt’s da Gegenargumente.
Morgen früh entscheide ich – je nach Zeltlage – in welche Richtung es weiter geht.
Liebe Grüße und gute Nacht!
Julia