Rhythmusgenerierter Nonsense 3: Fünfer und Zwiefacher

Hallo ihr Lieben!

Schon wieder keine Privatneuigkeiten außer (zum Zeitpunkt, wo ich dies schreibe):
Tropisches Badewetter, keine besonderen Vorkommnisse außer Großputz mit Gardinenwaschen und Planung lustiger Kurseinheiten.

Was für heute zur Einheit “Fünfer und Zwiefacher“ geführt hat. Siebener hab ich bei genauerer Überlegung noch aufgeschoben, ich will ja keinen verschrecken.
Hier im Film wird die heutige Spielerei erklärt, so dass ihr losschreiben könnt. Es wurde schon reichlich dämmerig während des Aufnehmens – vorher hatte es dauernd geregnet.
In der heutigen Einheit müsst ihr nicht unbedingt stark betonte von mittel betonten Silben unterscheiden wie letztes Mal. Ihr KÖNNT das natürlich, um einen noch eleganteren Flow zu erzeugen, aber stresst euch bloß nicht. Für heute reicht es, wenn ihr schwer und leicht fühlt.
Es gibt viel gute Dichtung, die sich da eher keinen Kopp macht.
Und viel gute, die es tut.
Im Zusammenhang mit Musik fällt es stärker auf als ohne, deshalb ist es für alle, die Lieder texten, eine großartige Qualitätssteigerung, das nach und nach immer besser zu können.

Hier findet ihr ein Filmchen mit einer knappen Viertelstunde meiner Märchenparodien, die aus den verschiedensten Rhythmen entstanden sind.

Es kam die Frage auf, ob denn diese Zweier und Dreier und Vierer in irgendeiner Weise zu tun hätten mit dem, was wir in der Schule als „Jambus, Trochäus, Daktylus und Anapäst“ gelernt hätten. Damals, als es um Versmaße in Gedichten ging.
Völlig richtig.
Wer möchte, kann einen Zweier oder Vierer, der betont anfängt, auch gern „Jambus“ nennen („Alle meine Entchen…“ oder „Einigkeit und Recht und Dingens“ zum Beispiel)
und einen, der mit Auftakt beginnt, „Trochäus“ („Paulinchen war allein zu Haus…“ / „Es war einmal ein Mann, der hatte einen Schwamm“ – zu Reim kommen wir später).
Einen betont anfangenden Dreier oder Sechser dürft ihr auch mit Daktylus anreden („Urahne, Großmutter, Mutter und Kind…“),
für einen mit einer Silbe Auftakt („Es zogen zwei rüstge Gesellen“ – Eichendorff) gibts meines Wissens keinen Extra-Namen, das wäre vermutlich ein „Daktylus mit Auftakt“.
Und Anapäst bezeichnet einen Dreier mit zwei Auftakten, der also „rataTAMM!“ macht („Das Problem war schon damals das Kaffeeservice, das war zwölfteilig, ganz wie gewohnt.“)

Ganz viele Gedichte mischen übrigens Zweier und Dreier auf eine nicht-stolpernde Art und Weise. Das funktioniert prima, wenn vom Gefühl her ein Dreier läuft, bei dem ab und an eine unbetonte Silbe ausgelassen wird. Automatisch machen wir die davor ein bisschen länger, und so wird der Groove nicht gestört:
Wer reitet so spät (-) durch Nacht (-) und Wind?
Es ist (-) der Vater mit sei (-) nem Kind
Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich (-) so trau (-) rig bin“ (evtl. hat Heine auch dass ich so trau (-) rig bin“ gemeint, und Silcher hat es nur anders vertont. Das kommt vor.)

Dass das nicht als stolpernd wahrgenommen wird, liegt auch daran, dass auf der nächst höheren Puls-Ebene wieder große Klarheit herrscht. Der Erlkönig hat vier betonte Silben pro Zeile, die Lorelei drei.
Wenn ihr wollt, marschiert mal, während ihr das Gedicht aufsagt, durch den Raum, jede Betonung bekommt einen Schritt. Wer es ganz wild treiben will, kann bei den Unbetonten noch schnipsen, klopfen, klatschen oder wedeln.
Für die, die sich nicht sicher sind, ob sie die Betonungen hören: Lauft einfach majestätischen Schrittes los und guckt dann, auf welchen Silben der Fuß nach unten ging. Oder haut auf den Tisch beim Sprechen, als wolltet ihr dem Gesagten Nachdruck verleihen. Die Chancen stehen gut, dass das jeweils auf den betonten Silben war. Euer Körper weiß so was alles schon längst. Sonst könntet ihr keinen Text so vortragen, dass man ihn versteht.
Wenn Deutsch-AnfängerInnen mit uns zu kommunizieren versuchen, sind sie ja oft viel eher durch falsche Betonung schlecht zu verstehen als durch ungewohnte Aussprache einzelner Laute.

Zählt beim Marschieren gern mit, wie viele Schritte ihr pro Zeile macht, wie OFT euer Fuß den Boden berührt. Entsprechend der Anzahl spricht man von
dreifüßigen („Es WAR einMAL ein MANN„),
vierfüßigen („PauLINchen WAR alLEIN zu HAUS„),
fünffüßigen („Die ZWÖLFte STUNde WAR beim KLANG der BEcher„) (Chamisso) Jamben etc.
Hänschen klein“ beginnt also mit zwei Zeilen zweifüßigem Trochäus – als Beweis, dass das Kind zu Fuß losging und nicht etwa ritt, klar.

Wenn Musik dabei ist, die ja ganz gern mal lange und kurze Töne bunt zu mischen pflegt, der Abwechslung halber, wird jeder darauf maßgeschneiderte Text sowieso nicht mehr in gleichbleibende Muster wie „Zweier“ oder „Daktylus“ passen, sondern sich geschmeidig nach der Melodie richten. Oder andersherum schon so viel glasklaren, wenn auch wechselnden Rhythmus mitbringen, dass eure Komponist*innen nicht anders können, als die GENAU dazu passende Melodie zu finden. Dazu müssten allerdings alle eure Strophen exakt dasselbe Betonungsmuster haben, sonst kann das nicht klappen.
Wir arbeiten uns hier auch langsam zu bunteren Mustern vor. Sobald euer Autopilot in absoluter Klarheit genau das Muster zu liefern imstande ist, das ihr plant. Und dafür fangen wir mit unausweichlich klaren Mustern an.

Falls ihr bei euren Übungsergebnissen nicht sicher seid, ob sie überall richtig swingen, lest sie laut vor, parallel zu meinem Beispiel für denselben Rythmus. (Bei Bedarf schaltet das Video langsamer. Das geht an dem Zahnrad unten rechts im YouTube-Fenster.) Dann solltet ihr genau merken können, ob es irgendwo hakt.
Alternativ oder zusätzlich könnt ihr mir eure Beispiele über die Kommentar-Funktion unten zuschicken, und pack sie hier unten drunter. Ich kann nicht versprechen, dass ich alle korrigiere, das hängt auch von der Anzahl ab. Aber dann könnt ihr gegenseitig durchgucken – und habt zudem hoffentlich ein paar schöne und lustige Beispiele dafür, was in anderen Gehirnen so passiert ist. (Unterschreibt mit dem Namen oder Pseudonym, der auch hier drunterstehen soll :-))

So, wer jetzt erst bis hierher gelesen hat. statt loszuschreiben, und sich fragt, wo nochmal der heutige Mitmach-Film (7min.) war: Hier ist er. Und hier sind die Märchen noch mal. (Ich mach das diesmal mit Links und nicht mit Einbettung, weil es viel datenschutzkonformer ist und nicht schon beim bloßen Lesen dieser Seite eine vermutlich ungesunde Vorliebe für Metrik in eurem Google-Profil gespeichert wird. Falls der Link nicht geht, könnt ihr dies: https://youtu.be/9jKo74_sEaY in die Adresszeile kopieren.)

Ich wünsche euch allen sehr viel Vergnügen, wenn ihr probiert, in Fünfern zu schreiben!
Julia bei ganz herrlichem Wetter hier an der Ems

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